Vorgeschichte der Gründung

Die Gründung der K.D.St.V. Thuringia wurde möglich gemacht durch die Aufhebung der bis 1899/1900 geltenden Bestimmung, dass es an einem Hochschulort nur eine Cartellverbindung geben solle. Hintergrund für diese Cartellrechtsänderung war die positive Entwicklung der jeweiligen Erstgründungen an den Hochschulorten, welche ein normales Korporationsleben durch die Vielzahl an Eintritten in die Cartellverbindungen gefährdet sahen. Daher wurde auf einem Convent der K.D.St.V. Markomannia vom 2. Dezember 1901 einstimmig die Teilung der aktiven Verbindung beschlossen, um eine Tochterverbindung zu gründen. Die Namenswahl der Verbindung bezieht sich auf die Siedlungsgeschichte des mainfränkischen Raumes. Chatten und Markomannen wurden im Mittelmaingebiet schließlich durch thüringische Volkstämme abgelöst. Der eigentliche Gründungstag ist der 21. Januar 1902. An diesem Tag fand die Teilung der Markomannia statt, aus der die K.D.St.V. Thuringia mit zehn Burschen, neun Füxen und elf Inaktiven hervorging.

Gründungsjahre bis zum Ersten Weltkrieg

Der Wahlspruch Thuringiae lautet „Vorwärts und Aufwärts“. Er stammt aus der Feder des Würzburger Rektors und Professors Dr. phil. Dr. theol. Hermann Schell, der im Jahre 1904 Ehrenmitglied der Verbindung wurde. Hermann Schell stiftete auch die noch heute über der Neuen Universität am Sanderring zu lesenden Widmung „Veritati“ (lat. “Für die Wahrheit”). In Würzburg, wo Thuringia als erste Cartellverbindung 1911 ein eigenes Haus erwarb, wurde sie schon bald zu den angesehensten Corporationen gezählt. Dies äußerte sich auch in dem hohen Anspruch, den Thuringia an ihre Mitglieder von Anfang an stellte. Dies führte dazu, dass auch einige Adelige, die in dieser Zeit eigentlich überwiegend den gesellschaftlich bereits etablierten Corps beitraten, Mitglieder der KDStV Thuringia wurden. Beispiele hierfür sind Heinrich Graf Waldbott von Bassenheim, der Senior des Sommersemesters 1906, oder auch der 1920 beigetretene Prinz Friedrich Christian von Sachsen. Als äußeres Zeichen der hohen gesellschaftlichen Ansprüche gilt der couleurstudentisch bemerkenswerteste Raum des Verbindungshauses, der holzgetäfelte Kneipsaal, der durch drei großformatige Ölgemälde des akademischen Kunstmalers Otto Rückert geschmückt wird. Seine Wandmalereien zieren auch die Fassade des alten Würzburger Rathauses. Das jugendliche Alter der KDStV Thuringia zur Zeit des 1. Weltkrieges führte dazu, dass 139 von 148 Thüringern an allen Fronten bis zur Demobilisierung eingesetzt waren und das Verbindungsleben in dieser Zeit nur sehr eingeschränkt möglich war.

Blütezeit in den 1920er Jahren

Bereits unmittelbar nach dem Krieg rekonstituierte die K.D.St.V. Thuringia nicht nur sich selbst, sondern setzte sich stark für das Zusammenwachsen der Corporationen in Würzburg ein. Unter ihrer Leitung kam es am 17. Januar 1919 zur Wiederbegründung des Zusammenschlusses der Würzburger Katholischen Corporationen zum “Katholischen Coporationen Convent” (KCC). Ebenso konnte unter maßgeblicher Beteiligung Thuringias der in Deutschland damals einmalige “Zweckverband der Würzburger Studentenkorporationen” gegründet werden, der zum Spannungsabbau zwischen nichtschlagenden und schlagenden Verbindungen beitrug und die Gründung eines ASta für Würzburg voranbrachte. Als Vorsitzender des im Sommersemester 1919 neu geschaffenen AStA wurde der Thüringer Dr. Hermann Hagen gewählt. Mit Beginn des Wintersemesters 1919 übernahm Thuringia den Vorort des Cartellverbandes unter seiner Leitung und richtete die 50. Cartellversammlung in Würzburg aus. Durch Dr. Hermann Hagens maßgebliche Beteiligung als Vertreter des Cartellverbandes konnte das am 30. Juni 1921 unterzeichnete Erlanger Verbände- und Ehrenabkommen schließlich zum Erfolg gebracht werden. Bereits in ihrer jungen Zeit war Thuringia damit zu einer wichtigen Stütze des Cartellverbandes geworden und hatte sich über die Verbandsgrenzen hinweg einen notablen Ruf erworben. Bemerkenswert für die 20er Jahre ist die Gründung eines Thüringer-Damenbundes, dessen Ehrenvorsitz Elisabeth Helene von Sachsen, geborene Thurn und Taxis, übernahm. Sie war die Gemahlin des Thüringer Philisters Friedrich Christian von Sachsen, der als junger Student Thuringia beigetreten war. Die Zeit um das 25. Stiftungsfest Thuringiae kann als ein Höhepunkt ihrer Geschichte gewertet werden.

Thuringia während der Diktatur der Nationalsozialisten

In den 1930er Jahre erfolgte im Zuge der Gleichschaltung durch die NS-Diktatur der Zusammenbruch des Verbindungswesen. Dass Thuringia dem aufkommenden Nationalsozialismus schon frühzeitig ablehnend gegenüberstand, kann man den Thüringer Korrespondenzblättern des Jahres 1930 entnehmen, in denen der damalige Philistersenior Dr. Andreas Balling vor einer “Bedrohung durch die nationalsozialistische Welle” warnte. Besonders seit 1935 sahen sich Katholische Verbindungen mit Repressalien und Zwangsauflösungen konfrontiert, da man auch hier die geistigen Eliten des Landes zu infiltrieren versuchte. Daher beschloss die Cartellversammlung, welche 1935 in Würzburg tagte, ihre Selbstauflösung. Thuringia vollzog diesen Schritt zusammen mit dem Verband und wurde während der nationalsozialistischen Herrschaft enteignet.

Wiederbegründung nach dem Zweiten Weltkrieg

Am 13. April 1948 wurde die Wiederbegründung zunächst des Altherrenverbande Thuringia e.V. durch die amerikanische Militärregierung von Bayern genehmigt, so dass am 7. Dezember 1948 auch der Eintrag in das Vereinsregister möglich wurde. Als nächstes Ziel wurde die Lizenzierung der aktiven Verbindung an der Universität Würzburg vorangetrieben, deren Vollendung mit dem Genehmigungsschreiben des Rektors Rösser vom 12. Dezember 1949 erfolgreich abgeschlossen werden konnte. Schon vor der offiziellen Genehmigung hatte die Korporation im Mai an den Beisetzungsfeierlichkeiten für Bischof Matthias Ehrenfried sowie an der Fronleichnamsprozession teilgenommen und damit erstmals wieder öffentlichen Boden betreten. Da das in den 30er Jahren enteignete Haus nicht zur Verfügung stand, mussten die ersten Veranstaltungen im Hotel Franziskaner abgehalten werden. Mit dem Kauf einer Baracke im Jahr 1951 und der Errichtung auf einem vom Philistersenior Dr. phil. Andreas Balling zur Verfügung gestellten Grundstück unterhalb des Würzburger Käppele am Nikolausberg, konnte die Korporation wieder ein Haus ihr eigen nennen. 1952 war damit die Feier des 50-jährigen Bestehens in angemessenem Rahmen möglich. Ein für diese Zeit beispielloses Zeichen der Verbundenheit aller Würzburger Corporationen, die unter der NS-Zeit ihren Niedergang erlebt hatten, war die Teilnahme von Vertretern aller in Würzburg ansässigen Corporationsformen an diesem Fest. Als Ende der 1950er-jahre das 1911 erworbene Haus wieder zurück in den Besitz der Verbindung kam, wurde das alte Gebäude als Wohnraum, das 1959 neu errichtete Haus für Veranstaltungen genützt. 1986 wurde das alte Haus veräußert. Das 1959 errichtete Gebäude wurde mit dem Erlös 1994 grundlegend renoviert, so dass die für die Verbindung bedeutsamen Ausstattungsgegenstände dort einen angemessenen Platz fanden. 1979 stellte die K.D.St.V. Thuringia zum zweiten Mal in ihrer Geschichte den Vorort des Cartellverandes unter der Leitung von Andreas Michel. In dieses Jahr fällt auch die Gründung einer Tochterverbindung, der K.D.St.V. Bergisch-Thuringia Wuppertal. An Pfingsten 2002 feierte die K.D.St.V. Thuringia ihr 100. Stiftungsfest. Zurzeit umfasst die K.D.St.V. Thuringia ca. 300 Mitglieder, davon ca. 30 Aktive Studierende.